Stars und Göttinnen

Wenn man aufwächst, orientiert man sich an Vorbildern. Wenn man aufwächst, orientiert man sich an Vorbildern. Während der Kindheit sind das natürlicherweise die Eltern. In der Jugendzeit begeistert man sich dann für andere Menschen, die eine Faszination ausüben: Stars, die man aus Kino, Fernsehen und heutzutage auch von Youtube her kennt. Als jemand, dessen Jugendzeit lange vorbei ist, bekomme ich es nicht mehr wirklich mit, wer heute die Stars der „Kids“ sind. Aber natürlich erinnere ich mich noch sehr gut, für wen ich mich als junger Mensch begeistert und den Fernseher eingeschaltet habe oder ins Kino gegangen bin. Das waren in erster Linie die Darsteller(innen) aus Karl-May-Filmen oder Fernsehserien („Am Fuß der blauen Berge“, „Bonanza“ u.a.). Wirklich geschwärmt habe ich allerdings nur für Diana Rigg als Emma Peel in der englischen TV-Serie „Mit Schirm, Charme und Melone“. Der Dienstagabend war eine heilige Zeit, denn dann lief die Serie. Aufnehmen konnte man damals ja noch nicht, also musste man immer zur rechten Zeit vor dem Fernseher sitzen. Schon der Vorspann faszinierte mich. Selbstverständlich kaufte ich in späteren Jahren die CD mit Musik aus der Serie sowie alle Filme auf DVD. Ich erinnere mich noch an einen heftigen Krach mit meinem Vater, welcher förmlich explodierte, weil ich ihn in zu lautem Ton zurechtgewiesen hatte. Sein Vergehen hatte darin bestanden, dass er während des Vorspanns, den ich wie immer gebannt verfolgte, etwas zu mir sagte. Eine Todsünde! Er hat aber den Abend überlebt. Wie schon erwähnt, waren diese 45 Minuten eine heilige Zeit, die man nicht durch Reden stören durfte. Meine Begeisterung für Diana Rigg wuchs ständig. Gleichzeitig tauchte aber eine Rivalin auf, die in ganz anderem Metier tätig war, nämlich auf der Opernbühne des Saarbrücker Theaters: Brenda Roberts, eine Amerikanerin, die ihre Karriere in Saarbrücken begann. Habe ich für sie geschwärmt? Nein – ich habe sie vergöttert! Viele Jahre später sagte ich ihr einmal, dass sie für mich die Göttin der Oper war. Das war an dem Tag, als sie mir das „Du“ anbot. Sollte ich zu einer Operngöttin „Du“ sagen? Ich hatte zunächst damit zu kämpfen. Dann dachte ich mir: Zum lieben Gott (an den ich damals noch glaubte) sage ich beim Beten ja auch „Du“. Also dann! Frau Roberts war jetzt Brenda. Frau Rigg, die Fernsehgöttin, blieb allerdings immer Frau Rigg. Im Jahr 2004 lernte ich sie sogar einmal kennen, falls man ein knappstes Gespräch als Kennenlernen bezeichnen kann. Es war für mich ein aufschlussreiches Erlebnis. Für ein paar Tage war ich nach London gereist und entdeckte rein zufällig, dass Diana Rigg im Albery Theatre in dem Stück „Suddenly Last Summer“ von Tennessee Williams spielte. Wow, das war ja ein Ding! Die Karte für den nächsten Tag war schnell gekauft. Dann überlegte ich, ob ich vielleicht ein Autogrammfoto bekommen könnte. Ihr wirklich zu begegnen, hatte ich noch gar nicht im Sinn. Zurück im Hotel schrieb ich ihr einen Brief in bestmöglichem Englisch (vermutlich nicht ganz fehlerfrei), schilderte, dass ich seit meiner Jugend ein Fan von ihr sei und bat um ein Autogrammfoto. Ich hatte vor, den Brief an der Theaterpforte für sie abzugeben. Wie es sich gehört, steckte ich einen Freiumschlag mit meiner Adresse in den Umschlag (zuvor war ich zur Post gegangen und hatte die passende Briefmarke für Auslandspost gekauft). Am nächsten Tag machte ich mich dann sehr rechtzeitig auf den Weg zum Theater, an dessen Rückseite ich den Künstlereingang fand. Ich ging hinein und überreichte dem Pförtner den für Diana Rigg bestimmten und auch entsprechend beschrifteten Brief mit der Bitte, diesen Frau Rigg auszuhändigen. Er sagte, sie sei noch nicht im Haus, für gewöhnlich komme sie eine Stunde vor Vorstellungsbeginn (an diesem Tag gab es eine Nachmittagsvorstellung). Erst da kam mir die Idee, dass ich draußen auf sie warten und sie ansprechen könnte. So kam es dann auch. Nach relativ kurzer Wartezeit erkannte ich sie schon aus einiger Entfernung, als sie auf das Theater zuging. Als sie dann am Künstlereingang angekommen war, sprach ich sie an und brachte meine Freude zum Ausdruck, ihr als Fan einmal persönlich zu begegnen. Ich informierte sie, dass ich an der Pforte einen Brief für sie abgegeben habe und auch die Vorstellung besuchen werde. Ich kann mir ja nun durchaus vorstellen, dass sie als Schauspielerin eine Stunde vor Vorstellungsbeginn keine Lust auf einen Smalltalk hatte und schon voll auf ihre Rolle konzentriert war. Dass sie aber nur ein gequältes Lächeln aufsetzte und ein knappes „Enjoy it!“ über die Lippen brachte, enttäuschte mich dann doch sehr – so sehr, dass ich die Eintrittskarte in den Mülleimer warf und auf die Vorstellung verzichtete. Der Star hatte seinen Glanz verloren. Was ich noch erwähnen möchte: Der an mich adressierte und frankierte Brief kam nie an. Sie hätte nur ein Foto hineinstecken und ihn in einen Briefkasten werfen müssen. Nun ja, das Erlebnis war lehrreich. Es ist ja bestimmt nicht einfach für Stars – egal aus welcher Branche – mit Fans umzugehen. Je berühmter sie werden, desto mehr zählen Fans nur noch als Masse, eine einzelne Person hat dann keine Bedeutung mehr. Ich kann mir auch vorstellen, dass es sehr unangenehme und aufdringliche Fans gibt, zu denen ich allerdings nie gehörte. Meine anfängliche Enttäuschung hat sich übrigens allmählich in Verständnis gewandelt und ich schaue mir die alten DVDs wieder gerne an. Sie war halt doch keine Göttin, sondern nur ein Mensch. Zum Schluss noch eine Frage an Brenda Roberts, meine Göttin der Oper: Brenda, sag es ehrlich – bist DU auch nur ein Mensch? 😉

EA

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