Opernregie

In meinem Freundes- und Bekanntenkreis finden sich einige Opernfreunde, die mit mir zusammen aufgrund regelmäßiger Opernbesuche den Wandel der Inszenierungen über die Jahre und Jahrzehnte hin zum modernen Regietheater mitbekommen haben. Andere, die diese Entwicklung nicht verfolgt haben und nach langer Zeit wieder einmal mit ins Theater kommen, sind befremdet – manchmal auch entsetzt – und verstehen nicht, warum ein Werk, das sie früher schon einmal gesehen hatten, nun so vollkommen anders auf die Bühne gebracht wird. Ich erkläre ihnen dann, dass die für Regie und Bühnenbild Verantwortlichen die Oper nicht als Museumsstück sehen, sondern als eine Kunstform, die mit der Zeit gehen sollte und daher Inhalte auf die heutige Zeit bezogen und neugedeutet werden. Gleichzeitig ertappe ich mich dabei, dass ich die neue Art des Inszenierens zwar verteidige, gleichzeitig aber selbst auch manchmal moderne Inszenierungen nur noch ertrage, jedoch nicht mehr wirklich genießen kann. Ich habe das Gefühl, dass das, was eine Oper in erster Linie ausmacht, die Musik nämlich, heutzutage – zumindest für die berichtende Presse – nur noch die zweite Geige spielt. Was zählt (und auch in Zeitungskritiken den Löwenanteil ausmacht) ist die Inszenierung. Die Regisseure und Bühnenbildner von heute bedauere ich. Sie sind, da traditionelle Umsetzungen verpönt sind, geradezu dazu gezwungen, eine ganz neue Sicht auf ein Werk zu entwickeln und alles anders zu machen. Nichts darf so sein, wie es einmal war. Im Laufe der Jahre habe ich erkannt, wie zumindest manche dabei verfahren. Sie versuchen oft all das, was vom Publikum erwartet wird, auszumerzen und ein Stück gewissermaßen gegen den Strich zu bürsten. Dies verurteile ich nicht generell, sondern nur dann, wenn es für mich keinen Sinn macht oder sogar ein Stück zerstört. Beispiele für Inszenierungen gegen die Publikumserwartungen gibt es zuhauf. Beginnen wir mit „Der Freischütz“: Auf der Bühne wird ein Wald erwartet. Was tut also der moderne Regisseur/Bühnenbildner? Er lässt ihn weg (Wald = Kitsch). Mir fällt aber gerade auf, dass dieses Verfahren gar nicht wirklich neu ist, denn ich erinnere mich gar nicht, jemals den „Freischütz“ MIT Wald auf der Bühne gesehen zu haben. Dies zu erleben wäre für mich also geradezu revolutionär. Vielleicht findet sich ja mal ein mutiger Regisseur! 😉 Anderes Beispiel: „Aida“ – eine absolute Herausforderung für heutige Regisseure. Natürlich wird die Oper und insbesondere der Triumphmarsch nicht mehr wie früher inszeniert. In Mannheim sah ich eine Aufführung mit einem Sandhaufen auf der Bühne und einer seitlichen befensterten Wand, durch die Statisten den für das Publikum unsichtbaren Triumphmarsch scheinbar beobachteten. Das Publikum hörte nur die Musik, es sah rein gar nichts von einem Triumphmarsch. In München wiederum erlebte ich vor zwei Jahren eine moderne „Aida“ des Gärtnerplatz-Theaters, die mich hellauf begeisterte, weil sie in sich stimmig war und den Zuschauer packte. Hochgefährlich wird es für heutige Regisseure, wenn sie eine Märchenoper inszenieren sollen. Die erste Überlegung scheint zu sein: Wie kann ich dem Märchen das Märchenhafte austreiben? So werden dann bei „Hänsel und Gretel“ aus den Engeln, die früher noch vom Himmel stiegen, Stofftiere, die an Schnüren auf- und abgelassen werden oder einfach nur noch Kerzen – und die Eltern der Kinder betreten die Bühne mit Aldi-Tüten. Ein Enttäuschungen verhindernder Vorteil für die Theaterbesucher von heute liegt darin, dass viele von ihnen keine Vergleichsmöglichkeiten haben und von daher gar nicht wissen, wie das, was ihnen dargeboten wird, in einer früheren Inszenierung ausgesehen hat (dies wissen die jungen Regisseure selbst natürlich auch nicht). Für mich, der ich nun schon seit über 40 Jahren ins Theater gehe, werden diese Erinnerungen bei vielen Premieren wach, so auch bei der aktuellen „Rusalka“-Inszenierung in Saarbrücken. „Früher war alles besser“ ist ein unbeliebter Satz unter Theaterleuten und stempelt den, der ihn ausspricht, als alten Nörgler ab, der nicht mit der Zeit gehen will. Ich möchte diesen Satz so auch nicht sagen, würde aber „alles“ durch „manches“ ersetzt, könnte ich ihn unterschreiben. Für mich liegt das Hauptproblem nicht in den Aktualisierungsversuchen der Regisseure an sich, sondern darin, dass oft der Zauber verloren geht, der den Stücken innewohnt. Man sieht sich etwas an, erkennt, was der Regisseur sagen will (oder auch nicht), aber man ist nicht gepackt, nicht emotional berührt, nicht gewillt das Stück ein zweites Mal zu sehen – trotz schönster Musik. Manchmal frage ich mich, was so schlimm daran wäre, die Erwartungen, die das Publikum an eine Oper hat, auch zu erfüllen. Geht es nur noch darum, dass die Regieführenden sich einen Namen machen? Würden sie ihren Ruf ruinieren, wenn sie ein Werk NICHT neu deuten? MUSS man „Carmen“ gegen den Strich bürsten, um bekannt oder noch einmal verpflichtet zu werden? Gerade las ich Besprechungen zweier „Carmen“-Neuinszenierungen in Darmstadt und Frankfurt. Es ist die Rede von Buhrufen des Publikums gegen das Regieteam. Das Publikum war also verstört. Bravo, dann haben die Inszenierenden nach heutigen Maßstäben ja alles richtig gemacht!

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