Oper

Es gab eine Zeit in meinem Leben, zu der ich jeden für verrückt hielt, der mir sagte, er gehe in die Oper. Ich war damals Jugendlicher und hatte mit klassischer Musik nichts am Hut. Irgendwann erlebte ich dann in der Schule eine Musikstunde, die mich irritierte und gleichzeitig faszinierte. Wir lernten „Die Moldau“ von Smetana kennen. Je mehr wir uns in das Orchesterstück vertieften und lernten, was der Komponist mit seinem Werk musikalisch „malte“, desto größer wurde meine Begeisterung für diese Musik. Gleichzeitig sagte ich mir: ‚Das darf dir gar nicht gefallen – du stehst auf Beatles und Rolling Stones!‘ Nichtsdestotrotz fragte ich meinen Musiklehrer, ob er mir das Tonband (ja, damals gab es noch keine Audiokassetten oder CDs) mit der „Moldau“ ausleihen würde. Er tat es und ich durfte das Band ein paar Tage behalten. Zuhause hörte ich das Werk dann mehrfach und legte bei den „Stromschnellen von St. Johann“ mein rechtes Ohr ganz dicht an den Lautsprecher, sodass es schön rumpelte. Bald merkte ich, wie faszinierend klassische Musik ist, wenn man sie „kennt“. Ich schloss dann ein Schüler-Abo für die Sinfoniekonzerte im Saarbrücker Theater ab. Irgendwann kaufte ich dann auch einmal eine Karte für die Oper, später noch eine und dann immer häufiger. Ich hatte nämlich bemerkt, dass mir Opernaufführungen noch viel besser gefielen als Konzerte. Also kaufte ich mir auch Opernschallplatten sowie die Noten der Werke und lernte sie immer besser kennen. Meine zunehmende Begeisterung für die Oper hatte allerdings nicht nur etwas mit der Musik an sich zu tun, sondern auch mit einer Sängerin, die damals in Saarbrücken engagiert war: Brenda Roberts – eine junge bildhübsche Amerikanerin mit einer Wahnsinnsstimme (sie wurde übrigens von Saarbrücken nach Bayreuth für die Festspiele engagiert). Sie war für mich wie eine Göttin und die Oper fast wie eine Religion. Im Laufe der Zeit wurden dann Opernbesuche zu einer wahren Leidenschaft, ich lernte noch etliche andere Sängerinnen und Sänger kennen, die ich bewunderte.
Natürlich bleibt einem nicht verborgen, dass man als Opernfreund einer Minderheit angehört. Dem Großteil der Menschen geht es so wie mir früher: Oper ist ihnen fremd – und was ich als schön empfinde, ist für sie schlimm und schrecklich. Was ich aber seltsam finde, ist dies: In allen Lebensbereichen erfährt die jeweilige Höchstleistung allgemeine Bewunderung – nur beim Singen nicht! Kannst du am schnellsten laufen, am weitesten oder höchsten springen, die höchsten Wolkenkratzer bauen, das gefährlichste Abenteuer bestehen, das tollste Zauberkunststück vollführen, die schwierigste Herzoperation meistern – immer sind alle begeistert! Erbringst du jedoch beim Singen die absolute Höchstleistung (und das ist definitiv der Operngesang), jubelt nur eine relativ kleine Fangemeinde – der große Rest findet das, was du tust, schrecklich. Ist das nicht verrückt?

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