Kritikkritik

Warum geht man in die Oper? Die meisten sicher, weil sie sie lieben. Aber es gibt auch andere Gründe. Jemand, der noch nie eine Oper gesehen hat, tut es vielleicht aus purer Neugier. Oder man hat eine Karte geschenkt bekommen – so wie die junge Dame vor ein paar Jahren in München, die auf einem Seitenplatz der Galerie neben mir saß und überhaupt nicht davon beeindruckt war, wie Weltstar Edita Gruberova sang, sondern ihre Augen lieber durch den Saal spazieren führte, der durch das Licht der Bühne spärlich erleuchtet wurde. Sie erzählte mir nach der Vorstellung, dass ein Kollege verhindert gewesen sei und ihr seine Karte geschenkt habe. Gruberova kannte sie gar nicht und sie fragte mich, ob sie denn gut gesungen habe. Alles nicht schlimm. Ich hatte Verständnis dafür – bei meinem ersten Opernbesuch war mir auch eher das Gesamtkunstwerk Oper und das Erlebnis als solches wichtiger als die einzelnen Stimmen der Sänger. Meine Sitznachbarin würde es lernen, Stimmen zu beurteilen und zu genießen, dachte ich, falls sie der Abend dazu animiert hatte, häufiger in die Oper zu gehen. Wer es aber in jedem Fall gelernt haben müsste, sind Kritiker, deren Beruf es ist, Opernaufführungen zu besuchen und darüber zu schreiben. Ein Traumberuf, finde ich. Immer wieder aber wundere ich mich darüber, wie wenig Raum Kritiker den Sängersolisten einräumen. Liegt es vielleicht doch daran, dass sie entgegen meiner Erwartung gar nicht in der Lage sind, Sängerleistungen mit mehr als einem nichtssagenden Adjektiv zu schmücken? Das hätte die oben erwähnte junge Dame in München auch gekonnt! Heutzutage müssen Sänger schon froh darüber sein, überhaupt erwähnt zu werden. Ein positives Adjektiv ist bereits eine Auszeichnung, ein ganzer lobender Satz geradezu überwältigend. Im Vergleich zweier Kritiken zur aktuellen Inszenierung von „Guillaume Tell / Wilhelm Tell“ am Saarländischen Staatstheater wird mir dies wieder einmal bewusst. In der Saarbrücker Zeitung werden von elf Sängern sechs noch nicht einmal namentlich erwähnt (eine Statistin darf sich allerdings über die Nennung ihres Namens freuen), von den fünf genannten Solisten müssen sich zwei mit jeweils eher nicht mit Gesang in Verbindung zu bringenden Adjektiven begnügen („würdevoll“ / „jungenhaft draufgängerisch“), zwei andere werden mit etwas ausführlicherem Lob bedacht, während dem Sänger der Titelpartie nicht genügende stimmliche Durchsetzungskraft bescheinigt wird – wohingegen ihn „Die Deutsche Bühne“ mit den Worten lobt: „ … ein hagerer, junger Mann mit schönem, feinem Kavaliersbariton, der gerade durch diese vermeintliche Sanftheit in Stimme und Statur im aggressiven Spiel als Fanatiker umso gefährlicher wirkt.“

Ich selbst habe schon lange die Konsequenz aus Zeitungs- oder Internetkritiken gezogen: Ich nehme sie zur Kenntnis, lasse mich aber nicht mehr durch sie beeinflussen. Viel zu oft musste ich nämlich das genaue Gegenteil von dem lesen, was ich empfunden hatte – sowohl bei schlechten als auch bei guten Kritiken. Eine hochgelobte Inszenierung veranlasste mich einmal, eine Reise nach Leipzig zu buchen, um dort die Oper „Genoveva“ zu sehen – das Langweiligste, was ich in meinem ganzen Leben im Theater zu ertragen hatte. Seitdem bin ich auch in Sachen Opernkritiken ein Ungläubiger.

Nächsten Sonntag werde ich übrigens wieder im Theater sitzen und eine der besten Inszenierungen genießen, die ich jemals erleben durfte. Grundsätzlich gehe ich aber nicht wegen der Inszenierung ins Theater, sondern in erster Linie wegen der Musik, die von Sängern und Orchester dargeboten wird. Ich habe größte Hochachtung vor dem, was diese Menschen können. Wenn Gesang, Orchester, Regie und Bühnenbild zu einer idealen Einheit verschmelzen, dann ist das Glück perfekt. Und so ist das beim Saarbrücker „Tell“.

EA

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