Höchststrafe

Gestern um 17 Uhr in der Congresshalle Saarbrücken. Die Deutsche Radiophilharmonie und Chefdirigent Karel Mark Chichon hatten zu einer konzertanten Opernaufführung geladen. „La Bohème“ stand auf dem Programm. International bekannte Solisten sangen. Außer ihnen auf der Bühne: rund 160 Damen, Herren und Kinder in Orchester und zwei Chören. Im vollbesetzten Saal: 1300 opernbegeisterte Menschen, die die Aufführung genossen und am Ende jubelnd applaudierten. Nur zwei Männern gefiel es nicht. Überhaupt nicht. Karten hatten sie nicht gekauft, denn sie waren offensichtlich dienstverpflichtet. Beide waren gleich angezogen und saßen etwas abseits vom Publikum auf zwei seitlichen Emporen-Plätzen in Höhe des Orchesters. Ob sie der Feuerwehr angehörten oder dem Rettungsdienst – keine Ahnung. Keine Ahnung hatten auch die beiden Herren – nämlich von dem, was da zu hören war. Und Interesse daran erst recht nicht. Benehmen ebenfalls nicht. Ihre Körperhaltung sprach Bände, vor allem die des etwas schwergewichtigeren Mannes. Dieser hatte es sich halb sitzend, halb liegend gemütlich gemacht und verbrachte in dieser Haltung fast das gesamte Konzert. Sein Kollege war deutlich aktiver, bewegte seinen Oberkörper immer wieder vor und zurück, jedoch auch oft zur Seite, da es offensichtlich ständig Grund gab, sich mit seinem Sitznachbarn zu unterhalten. Vielleicht machte er diesen auf etwas aufmerksam, das er auf seinem Smartphone entdeckt hatte, welches er während der zweieinhalb Stunden in der Hand hielt und – wenn er gerade nichts zu sagen hatte – damit beschäftigt war (der Kollege hin und wieder auch). Ab und zu schaute er jedoch auch mal auf die Musiker und die vielen Menschen, die diesen lauschten. Vielleicht fragte er sich, was um alles in der Welt Leute dazu bringt, für so etwas „Langweiliges“ Geld auszugeben. Ich hingegen ärgerte mich über mich selbst, weil ich mich von diesen beiden so oft ablenken ließ. Anstatt stur geradeaus auf die Bühne zu schauen, ging mein Blick immer wieder schräg links nach oben auf die zwei Dienstkartenbesitzer. Mimis Tod bekam ich dann aber doch mit. Danach ging’s nach Hause an den Fernseher zum Fußballspiel unserer Nationalmannschaft. Insgeheim hoffte ich, dass „meine beiden Freunde“ aus der Congresshalle immer noch Dienst haben und das Fußballspiel verpassen würden. So ganz ohne Strafe möchte ich sie ja dann doch nicht davonkommen lassen. Andererseits – das Opernkonzert anhören zu müssen war für sie ja schon Strafe genug. Für Menschen wie sie, die mit Oper rein gar nichts am Hut haben, ist das vielleicht sogar die Höchststrafe. Jedem das, was er verdient! Alles gut!

EA

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