Die tote Stadt

Dieser Tage erlebte ich etwas Eigenartiges in Saarbrücken. Ich besuchte die Einführungsmatinée zur nächsten Opernpremiere am Staatstheater, Korngolds“Die tote Stadt“. Regisseur Aron Stiehl erläuterte auf faszinierende Weise den Inhalt des Werkes, das zwischen Realität und Traum wechselt. Im Mittelpunkt steht ein Mann, der im Andenken an seine verstorbene geliebte Frau einen Raum mit zahlreichen Erinnerungen an sie zu einer „Kirche des Gewesenen“ werden lässt. Nach dieser Veranstaltung schlenderte ich durch die Altstadt und fotografierte ein altes Haus. Da öffnete sich ein Fenster und ein alter Mann fragte, was ich denn da tue. Ich stellte mich vor und berichtete über meine Fotografierleidenschaft und die Suche nach besonderen Motiven. Er kam dann nach draußen und erzählte interessante Dinge über das mittelalterliche Haus. Scheinbar hatte er im Verlauf unserer Unterhaltung Vertrauen zu mir gefasst, denn nach einer Weile lud er mich ein, mit ins Haus zu kommen. So ganz geheuer war es mir nicht, dennoch trat ich ein. Bald schon erblickte ich an der Wand ein großes Bild einer Frau und erfuhr, dass es seine vor einigen Jahren verstorbene Ehefrau zeigt. Er berichtete über ihr Sterben und zeigte mir dann vieles, was er in seinem Haus aufbewahrt. Zwar waren es nicht überwiegend Erinnerungen an seine Frau, aber ich entdeckte doch Parallelen zu dem, was ich kurz zuvor über „Die tote Stadt“ erfahren hatte. Er bat mich, ihm über eine enge Wendeltreppe hinunter ins Kellergewölbe zu folgen, wo ich mich an eine andere Oper erinnert fühlte: „Hoffmanns Erzählungen“, ein Werk, das ebenfalls zwischen Realem und Irrealem wechselt. Ich glaubte mich im Kabinett von Coppelius, der die Augen für eine Puppe angefertigt hat, welche dadurch für Hoffmann mittels einer Zauberbrille zu einer lebendigen Frau wird, die er aber zerstört, als er seines Irrtums gewahr wird. Im Gespräch kamen wir dann auch noch auf ganz andere Dinge und mir wurde bewusst, dass ich da einen sehr gescheiten alten Mann vor mir hatte, der ein Wissen in sich trägt, das mich beeindruckte. Die Fülle dessen, worüber er sprach, war fast erschlagend. Für mich hatte die Situation etwas Mysteriöses, was ganz sicher mit der zuvor besuchten Veranstaltung zu tun hatte – und ich spürte den Drang in mir, den Besuch zum Ende kommen zu lassen. Aber ich halte ein Wiedersehen nicht für ausgeschlossen.

EA

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