Beichte

Wenn ich am Frühstückstisch sitze, fällt mein Blick durchs Fenster auf den Turm der katholischen Dorfkirche. Gerade schaue ich dorthin und lasse meine Gedanken in die Vergangenheit reisen. Ich sehe mich als Jungen von etwa 12 Jahren in einer der hinteren Kirchenbänke sitzen, unweit des Beichtstuhls. Es war nämlich der Tag der Beichte. Mir ging es gar nicht gut, denn ich hatte etwas Schlimmes zu beichten. Als ich an der Reihe war, betrat ich mit klopfendem Herzen den Beichtstuhl. Noch heute höre ich die Stimme des Priesters und sehe ihn durch die hölzernen Gitterstäbe. Mit dem Mut der Verzweiflung beichtete ich meine schwere Sünde: „Ich hatte unkeusche Gedanken!“. Was der Priester entgegnete, weiß ich seltsamerweise nicht mehr, ich erinnere mich auch nicht mehr an die Zahl der Vaterunser, die ich zu beten hatte. Ich weiß nur noch, dass er mir die Absolution erteilte und ich sehr erleichtert die Kirche verließ. Die katholische Kirche, diese Hölle der Asexualität, hat mich geprägt, aber den Mantel der Keuschheit habe ich nie tragen wollen – wie so mancher Priester auch. Und den Mantel des Glaubens habe ich dann viel später auch abgelegt.

EA

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