Beckenschläge

Tatort Theater. Nein, es geht nicht um einen neuen Saar-“Tatort,“ sondern um bittere und zudem schmerzhafte Realität, die allabendlich im Saarländischen Staatstheater unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet – hinter Toilettentüren nämlich, wo Männer wie Dominosteine fallen. Die viel zu kleine Herrentoilette im Parterre ist eine architektonische „Meisterleistung“. Der Architekt konzipierte die Örtlichkeit und die darin befindlichen Waschbecken so, dass das Öffnen der Tür zwar gerade noch möglich ist, aber nur dann, wenn vor dem linken Becken kein Mann steht, der sich die Hände wäscht. Wehe aber, wenn da jemand steht! Was dann passiert, durfte ich kürzlich miterleben, da ich selbst dieser Jemand war. Die Tür öffnete sich forsch (der Außenstehende hatte es wohl eilig), versetzte mir einen Schlag und brachte mich aus dem Gleichgewicht. Nach rechts kippend brachte ich auch den am Waschbecken neben mir stehenden Mann ins Trudeln. Selbiger stürzte in den eigentlichen Toilettenbereich hinein und ließ in einem Dominoeffekt weitere Männer zu Boden gehen, die dort ihr Werk verrichteten. Über diese stolperte dann wiederum der ältere Herr, der gerade den „Sitzungsraum“ verlassen hatte. Es sah aus wie auf einem Schlachtfeld: alle Kämpfer zu Boden gestreckt! Solche und ähnliche Szenen ereignen sich übrigens an jedem Theaterabend – und Beckenbrüche sind keine Seltenheit. Nur das besagte Becken neben der Tür bleibt immer unbeschadet. Da sich in der Nähe der Toilette der mit einem Aufzug ausgestattete Behinderteneingang befindet, können Schwerverletzte wenigstens problemlos in den Rettungswagen gebracht werden, der vorsorglich an jedem Theaterabend bereitsteht. In der Winterbergklinik weiß man schon, dass kurz nach der Theaterpause der Wagen mit Blaulicht eintrifft und die „Klomänner“ bringt, wie die Verletzten von den Ärzten scherzhaft genannt werden. Wie aus Insiderkreisen zu erfahren war, ist sich die Theaterleitung der Problematik durchaus bewusst und es wurden bereits Lösungsvorschläge diskutiert. Die Idee, Schiebetüren zu installieren, lässt sich wegen Platzmangels nicht umsetzen. Das Entfernen des türnahen Waschbeckens und Installieren eines Automaten, der Feuchttücher ausgibt, wurde verworfen, da man hinsichtlich der Waschbecken an einen Vertrag mit Villeroy & Boch gebunden ist. Diskutiert und verworfen wurde ebenso das Ziehen von Nummern wie in diversen Kundencentern. Auch für die Installation von Videokameras mit Bildübertragung auf einen außen befindlichen Monitor, um einen geeigneten Zeitpunkt zum Betreten der Toilette sichtbar zu machen, konnte sich niemand erwärmen. Die kostengünstigste Variante, das Ersetzen der Holz- durch eine Glastür, die von außen den Blick auf innen lauernde Gefahren freigeben würde, lehnten die Verantwortlichen ebenfalls ab. Sowohl der Videoübertragung als auch einer Glastür steht nämlich der gesetzliche Schutz der Privatsphäre entgegen. Der Vorschlag, nur noch Kurzopern und Einakter aufzuführen und dadurch eine Pause samt Toilettenbesuch zu vermeiden, scheiterte am Veto des Generalintendanten, der ja eine Vorliebe für lange Werke hat und daher in absehbarer Zeit auch Wagners „Ring“ auf die Bühne bringen will. Beckenschläge wird es dann zuhauf geben – und nicht nur im Orchester! 😉

(EA)

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