Angst

Ich habe nicht Psychologie studiert. Von daher ist alles, was ich nachfolgend schreibe, nur Teil dessen, was ich in meinem Leben erfahren habe. Angst ist ja etwas, das allgemein als negativ empfunden wird und als „Angsthase“ gilt jemand, der sich gefährlichen Situationen nicht stellt aus Furcht Schaden zu nehmen.

Heutzutage mache ich mir Gedanken darüber, wie grundlose Angst die Begegnung mit Menschen und die wahre Sicht der Dinge verhindert. Ich erinnere mich an meine Kindheit und Jugend – an eine Zeit, an der vor allem meine Großeltern Ängste schürten, die sich auf Menschen bestimmter Religionen und Nationalitäten bezogen. Was mir im Kopf geblieben ist, ist eine Zeichnung, die einen Juden – eigentlich „DEN“ Juden – zeigte: bedrohlich, furchteinflößend, unmenschlich. Untermauert wurde die negative Darstellung von Juden durch Berichte meiner Großmutter, die als junge Frau im Hause von Juden als Dienstmädchen gearbeitet hatte. So erwähnte sie beispielsweise, dass das Kind der jüdischen Familie einmal gefragt habe, ob Dienstmädchen auch in den Himmel kommen. Ihre Mutter habe geantwortet: „Ja, sie werden im Himmel unsere Fußschemel sein.“ Viele Jahre später unternahm ich eine Rundreise durch Jordanien und Israel, die mit einer privaten Einladung bei einem jüdischen Ehepaar gipfelte. Meine Vorbehalte hatte ich eh längst schon abgelegt – dieser private Kontakt (dem ein jahrelanger Briefkontakt folgte) bestätigte mich nur in meiner Ansicht, dass Vorurteile Urteile über Menschen sind, die der Realität nicht standhalten.

In der Kindheit wurden mir auch Russen so dargestellt, dass ich glaubte, sie seien das Böse schlechthin, wahre Monster, die nur darauf aus sind, uns zu überfallen und zu töten. „Die Russen kommen“ war ein Satz, der einem Angst und Schrecken einjagte. Viel später kamen sie dann auch, die Russen – und zwar ans Saarbrücker Theater. Dort bescherten sie mir unvergessliche Opernabende. Ich lud sie auch zu mir nachhause ein und diese in den Augen meiner Großeltern „russischen Monster“ entpuppten sich als unglaublich liebenswerte und sympathische Menschen.

Ich erinnere mich an eine Szene im Abteil eines Zuges. Dieser fuhr in den Frankfurter Hauptbahnhof ein, wo er schließlich kurz vor dem Halt das Tempo allmählich bis zum Stillstand drosselte. Wir schauten aus dem Fenster auf die Menschen am Bahnsteig, die auf den Zug warteten. Plötzlich entfuhr einer im Abteil sitzenden Frau ein lauter Ton des Erschreckens und sie fasste sich ans Herz. Sie hatte draußen das Gesicht eines Schwarzen gesehen. Möglicherweise hatte sie Angst gleich von ihm gefressen zu werden.

Heute wird in Deutschland eine andere Angst geschürt. Die Angst vor Muslimen. Und ja, ich muss eingestehen, dass ich dem Islam und Muslimen gegenüber auch meine Berührungsängste hatte und vermutlich meinerseits nicht den Kontakt zu ihnen gesucht hätte. Warum? Weil auch ich DIESE Vorurteile noch nicht abgelegt hatte. Die Angst geht oft einher mit der Verallgemeinerung. Es ist nur ein kurzer Weg zwischen dem, was man in den Nachrichten über den IS erfährt und der Falscheinschätzung, dass Muslime grundsätzlich gewalttätig sind. Untermauert wird diese Ansicht dann durch das Zitieren bestimmter Koran-Suren, gestützt durch möglicherweise eigene negative Erfahrungen. Solche Erfahrungen habe ich nie gemacht. Seit etlichen Jahren pflege ich beste freundschaftliche Kontakte zu Muslimen in Istanbul. Kein einziger Mensch des Umfeldes, in dem ich mich dort bewege, bestätigt auch nur zum Bruchteil die Vorurteile, die es hierzulande gibt. Auch die jüngst gemachte Bekanntschaft mit einem Nordafrikaner (die gedankliche Verknüpfung mit den Silverstervorfällen in Köln hat sich jetzt beim Leser sicher blitzartig eingestellt), hat mich darin bestätigt, jegliche Vorurteile aufzugeben. Ich werde von allen Muslimen, die ich kenne, als nicht gläubiger Mensch respektiert und habe es mit überaus sympathischen, wohlerzogenen und gastfreundlichen Menschen zu tun. Dass es auch andere gibt, ist mir klar, aber die finden sich in jeder Gesellschaft.

Wenn ich mir die derzeit grassierende Angst in Deutschland vor Flüchtlingen vor Augen führe, dann muss ich sagen, dass auch in mir wieder Angst aufkommt – allerdings nicht vor den Flüchtlingen, sondern vor den erschreckend vielen Deutschen, die in dieser Zeit ihr wahres Ich zeigen, das Ich des Nazideutschen, der von Hass bestimmt sich gegen alles ihm Fremde wehrt und am liebsten wieder Hitler-Deutschland auferstehen lassen möchte. Wenn man die vielen unfassbar menschenverachtenden Kommentare liest und sich die rechtsradikalen Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte vor Augen führt, dann kommt in mir ein Gefühl auf, das ich eigentlich nicht zulassen möchte: das Gefühl, mich vielleicht eines Tages dafür schämen zu müssen, Deutscher zu sein.

EA

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2 Gedanken zu “Angst

  1. Leider leben wir mit Vorurteilen, leider leben wir mit Einstellungen, die durch Manipulationen entstanden sind. Aber es gibt nie einen Grund, sich generell für sein eigenes Volk zu schämen. Ich hoffe immer noch, dass die Menschheit eines Tages erwachsen wird.

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